Silberdorn schaute den Adligen, der vor ihm stand und ihn abschätzend musterte, aufmerksam an. Um seine schmalen und doch sinnlichen Lippen spielte ein abfälliges Lächeln, als der Jüngere der beiden Männer dem anderen leise etwas sagte. "Ich sage Euch, mein lieber zukünftiger Schwiegervater, dieser Künstler wird ihn zum reden bringen. Wenn einer herausbekommt, wo Dalamira steckt, dann er. Mag ja sein, daß Eure Söhne nicht fähig dazu sind, diesen Bastard zu zwingen...ER wird." Baron Nedron lächelte Dalamiras Vater beifallheischend an. Dummkopf, dachte Silberdorn, und wieder spiegelte sich seine Abneigung gegen diese kuhhandelnden alten Herren in seinem Lächeln, das keiner der beiden zu deuten vermochte. "Ich habe meine Verbindungen spielen lassen, Lord Arlan, und meine Mittelsmänner sagten mir, wenn es jemanden gäbe, der die Kunst zu foltern versteht, dann die... Boten des Stillen Schmerzes. Ich stelle ihn Euch zur Verfügung." Aber nur, weil ich mich zur Verfügung stellen lassen WILL, dachte Dorn, doch er schwieg. Arlan zog eine Augenbraue hoch und warf Silberdorn einen Blick zu. Seine unruhigen Augen glitten über die schlanke, in schwarze Seidengewänder gekleidete Gestalt, die schimmernden schwarzen Seidenhandschuhe, die sich wie eine zweite Haut über langfingrige Hände spannten, die schwarze Seidenmaske, die die obere Hälfte seines Gesichtes verbarg. "Wer ist er?" Silberdorn zog eine Augenbraue hoch. Namen.... Namen waren zu wichtig, als daß man sie leichtfertig jedem verriet. Wissen diese Narren denn gar nichts? Wenn ich nicht auf der Suche wäre, wäre ich schon längst kein Teil ihres albernen Spieles mehr " aber wenn sie darauf bestehen, daß ich es spiele, nun gut. Vielleicht haben sie mehr in ihrem Kerker als sie ahnen. Nun...wir werden sehen. "Namen sind nicht wichtig." Arlan und sein Schwiegersohn in spe sahen fast erschrocken auf, als die sanfte, leise Stimme ertönte. Für einen Moment fragte sich Arlan, ob er tatsächlich die Stimme eines Mannes gehört hatte, oder ob diese fast zarte Gestalt nicht doch eher einer Frau gehörte. "Aber wenn ihr einen Namen braucht...nennt mich Dorn." "Dorn." Arlans Stimme zitterte kaum merklich, und Silberdorn lächelte in sich hinein. Es war kein sanftes Lächeln. Sie haben Angst vor mir. Gut. "Was wollt Ihr von mir, Mylord? Was soll ich tun?" Lord Arlan lächelte. "Ich habe einen Gefangenen in meinem Kerker, der nicht reden möchte. Er weiß, wo meine entführte Tochter, die Braut dieses ehrenwerten Mannes hier, festgehalten wird. Ich möchte, daß Ihr diesen Mann zum Reden bringt. Ich will Dalamira zurück." "Ich soll ihn zum Reden bringen", wiederholte Silberdorn leise. "Ja." Er nickte. "Führt mich zu ihm."
Die abgestandene Luft in der kleinen, feuchten, dunklen Zelle roch muffig. Dorn verzog das Gesicht unter seiner Maske. Kaum der richtige Ort... Er seufzte leise, fast bedauernd. Hinter ihm fiel die Zellentür ins Schloß, Dorn hörte, wie der Schlüssel sich knirschend drehte und wie die schweren Schritte seines Auftraggebers sich entfernten. Er wartete eine Weile, dann schaute er sich um. Ketten hingen an den Wänden, Daumenschrauben lagen herum, ein kaltes Kohlebecken stand neben Stachelstiefeln und einer Eisernen Jungfrau. Dorn erschauerte vor Abscheu. Ihre Methoden sind grob wie ihre Manieren... Dann fiel sein Blick auf den Gefangenen und für einen Moment weiteten sich Dorns dunkle Augen. Der Mann, der da angekettet auf der Streckbank lag und ihn aus bernsteingoldenen Augen fast trotzig und heraufordernd ansah, war atemberaubend schön. Dorns Augen glitten über den bis auf ein Lendentuch unbekleideten Körper, als würde er ihn mit seinen Blicken berühren. Einige Narben zogen sich über seine Haut, doch sie wirkten wie...beabsichtigt. Instinktiv spürte Dorn, daß diese Narben dem Gefangenen etwas bedeuteten. Und er spürte noch etwas. Diesen Mann dazu zu bringen, zu reden, würde seine ganze Kunstfertigkeit erfordern. Zum ersten Mal in seinem langen Leben fragte Dorn sich, wer diesen Kampf gewinnen würde.
Sharaval zog eine Augenbraue hoch und musterte den schwarzgekleideten Fremden, der den prüfenden Blick ebenso abschätzend erwiderte und dann mit einem geübten Handgriff den Mechanismus der Streckbank betätigte. Shar verzog leicht das Gesicht, als seine linke Seite sich nun endlich genauso stark dehnte wie seine Rechte. "Besser", murmelte er ironisch grinsend, und ihm war, als würde sein schattenhaftes Gegenüber lächeln. "Mag schon sein", stimmte Dorn zu, "Aber...nicht mein Stil." Wieder hob sich Sharavals Augenbraue. Sollte es tatsächlich noch einen Foltermeister auf dieser Welt geben, der mit etwas aufwarten konnte, was er nicht schon im Keller der Traverra kennengelernt hatte? Er seufzte, lehnte sich zurück und wartete mit geschlossenen Augen.
Dorn zog einen kleinen Beutel unter seinem weiten seidenen Umhang hervor und holte langsam mehrere Gegenstände heraus. Eine Phiole aus Platin, eine pechschwarze Feder mit einem silbernen Rand, der so fein war, daß man ihn kaum sehen konnte, ein kleines Kohlebecken, daß aussah, als tauge es allerhöchstens für das verbrennen von Räucherwerk, eine feine Zange, spitz wie eine Pinzette, ein metallenes Kästchen, verziert mit verschlungenen Runen uralter Elementarmagie und zuletzt ein Paar silbrig schimmernder Stulpenhandschuhe. Für einen Moment betrachtete er die Dinge, dann streckte er die Hand nach der Phiole aus, öffnete sie und tauchte behutsam die Feder hinein. Es zischte leise und der scharfe Geruch der Tränen der Göttin stieg ihm in die Nase. Die Tinte, mit der ich Gedichte aus Qualen af deinen Körper zeichnen werde... Dorn atmete tief, sein ganzer Körper war angespannt und er zitterte unter dem seidenen Cape vor Erwartung. Lautlos näherte er sich der Streckbank. Noch immer hatte der Fremde die Augen geschlossen, und das war gut so, sehr gut...es war so lange her....so unendlich lange...aber die Erinnerung an das Gefühl war noch immer da. Er hatte es vermißt. Und nun hieß er es willkommen. Sanft, unendlich sanft, fast zärtlich, berührte er Sharavals weiße Haut mit der Spitze der schwarzen Feder.
Schmerz! Shar zuckte zusammen und atmete scharf ein, als dieser brennende, schneidende Schmerz von den Zehenspitzen ein Bein herauf, die Seite entlang, durch die Achselhöhle, über den ausgestreckten Arm bis hin zu seinem kleinen Finger rann. "Götter!" keuchte er, und in seinen Augen stand ein seltsames Funkeln. "Das ist etwas Neues!" Silberdorn lächelte. "Das klingt ja", sagte er leise, während er sich der anderen Seite zuwandte " Zehenspitzen, Bein, Seite, Arm, kleiner Finger " "als wärt Ihr nicht das erste Mal in einer solchen Situation!" Zu Dorns großer Überraschung lachte sein "Opfer" leise. "Nein, ich " " Shar zuckte zusammen, als er die Feder wieder spürte, jetzt glitt sie an den Innenseiten seiner Schenkel entlang, brennend, glühend, wie Eiseskälte und Feuer zugleich, ein Schmerz, seltsam vertraut und doch so fremd, daß er erschauerte und sich in seinen Fesseln wand. "Ich mache das nicht zum ersten Mal", brachte er dann hervor. Für einen Moment hielt die Hand, in der die schwarze Feder ruhte, inne. "Wer?" fragte Dorn sanft, "und wo?" Er zitterte. Er bebte. Er wollte nicht reden. Er wollte sein Werk vollenden, wollte sehen, wie sich dieser Mann in mehr wand als nur in Schmerzen, er wollte sehen, wie er zugleich in Schmerz und Lust zitterte, mit den Augen und Gnade flehte und gleichzeitig um mehr bettelte. Sanft spielte die mit den Tränen der Göttin getränkte Feder über Sharavals Brust, zeichnete verschlungene Muster auf die Haut. "Traverra", brachte Sharaval hervor, und seine Stimme klang trotz der Schmerzen, die seine Haut verbrannten, noch immer fest. "Traverra..." Wieder hielt die Feder inne, doch ihre Spitze berührte Shar noch immer und fraß sich glühend in seinen Körper. Sharaval keuchte auf, wieder warf er sich gegen die Fesseln und wand sich. Dorn lächelte. Traverra....wir hatten ein Auge auf sie geworfen, aber...nein, sie waren nicht die richtigen...nicht mit den verbündeten, sie sie zu der Zeit hatten...genug Leidenschaft und Grausamkeit, um zu uns zu gehören, aber zu wenig Respekt und zu wenig Liebe...damals...Die Feder glitt weiter, jetzt tanzte sie geradezu über Sharavals sich windenden Körper. Es fühlte sich an, als würde ein netz um ihn herum gewoben. Ein Netz aus Schmerzen, und mit jedem Atemzug schien keine Luft, sondern nur noch mehr Schmerz seine Lungen zu füllen. Shar spürte kaum, daß sich seine Hand-und Fußgelenke an den Einsenringen wundzuscheuern begannen. das war nichts gegen die heiß-kalten Spuren, die diese verfluchte Feder hinterließ. Eine Feder...warum ausgerechnet eine Feder? Er verzog keuchend das Gesicht, als dieses subtile Instrument der Qual seine Brustwarzen umkreiste " nein, er schrie nicht, und er spürte, daß dieses trotzige Aufbegehren gegen den Schmerz seinen sanften Peiniger mit Respekt erfüllte. Und als er schließlich ein leises, gequältes Stöhnen nicht mehr unterdrücken konnte, lachte die schwarze Gestalt an seiner Seite nicht, wie es vielleicht ein anderer Folterknecht getan hätte, nein...Sharaval spürte die Hand, die die Feder führte, einen Moment lang zittern, und auch der Atem des Mannes, der ihn leiden ließ, schien plötzlich rascher zu gehen. Wellen schlugen über Sharaval zusammen, Wellen, gemischt aus Schmerz und quälenden, lustvollen Empfindungen, und er wußte nicht, wogegen er sich mehr wehrte " gegen den Schmerz oder gegen diese perverse Lust. Für einen Moment lang wurde die Welt um ihn herum ein rotglühendes Inferno " nur um sich Sekunden später in eine eiskalte blaue Wüste zu verwandeln, als irgendetwas, das sich im ersten Augenblick anfühlte wie die sanften ersten Schneeflocken des frühen Winters seine bebende Haut berührte. Er öffnete die Augen " und sah, wie eine schwarz behandschuhte Hand in ein kleines Kästchen griff und dampfende Eiskristalle daraus hervorholte " um sie dann mit einer fließenden Bewegung über ihn zu streuen wie ein Kind, das ein anderes im Spiel mit Sand oder Kieselsteinen bewirft. Sharavals Körper zuckte, er atmete so heftig, als kämpfe er dagegen, zu ersticken " und noch immer ruhte dieser seltsame Blick aus unter der Maske schwarz glänzenden, ganz eben rötlich schimmernden Augen auf ihn. "Götter", stieß er zwischen keuchenden Atemzügen hervor, "Ihr " seid " wirklich " sehr " kreativ!" Ein Lächeln huschte über Dorns Gesicht. Und Ihr seid sehr stark...Ihr wißt das...und...bei allen Göttern, so schön...so wunderschön...und noch schöner, wenn ich mit Euch fertig bin...wenn Ihr die Male dessen tragt, was ich Euch zufüge...so wunderschön... Ein einziger Eiskristall fiel auf Shars Stirn und hinterließ dort ein brennendes, tropfenförmiges Mal - das erste Mal, das seinem Gesicht ein Schaden zugefügt wurde, so gering er auch sein mochte " und Shar wußte, das war pure Absicht gewesen " so sicher, wie dieser schwarze Schatten sein Gesicht bisher geschont hatte...
Dorn hielt inne, als sich Schritte im Korridor näherten. Schlüssel rasselten und knirschten, kurz darauf standen Lord Arlan und sein ältester Sohn in der Zelle. Schonfrist. Shar verzog das Gesicht. Er kannte die Frage, die nun kommen würde. "Hat er schon geredet?" Dorn schüttelte stumm den Kopf. Arlan sah die dunkle Gestalt an. "Ich will, daß er redet, Meister der Schmerzen...und ich habe nicht mehr viel Geduld!" Dorn schwieg immer noch. Er senkte den Blick, doch in seinen Augen stand weder Unterwerfung noch Respekt vor diesem Mann. "Macht weiter...und bringt mir Ergebnisse!" Arlan versuchte allem Anschein nach, seine Stimme gefährlich leise klingen zu lassen, doch das einzige, was Dorn in den gezischten Worten hörte, war Unsicherheit. Ohne weiter auf die Gehenden zu achten, stellte er das leere Kästchen beiseite, legte ein wenig trockenes Holz und ein paar Krümel Kohle in seine kleine Feuerschale und griff mit einem Lächeln nach der zierlichen Zange daneben. Er spürte, daß Sharaval ihn beobachtete. Noch immer kein Schrei...ich kann nicht anders, als ihn zu bewundern...ich frage mich, wie weit ich gehen kann...gehen muß...Die Kohlestückchen glühten, und er nahm eines mit der Zange heraus. Als sie seine Haut berührte, biß sich Sharaval auf die Zunge. Wieder stöhnte er auf. Und Dorn sah ihn an, betrachtete ihn wie ein Bildhauer seine Skulptur, schaute auf die feinen silbrig schimmernden Narben, die die Berührungen seiner feurigen Kohle hinterließen. Sanft, oh, so sanft...jede quälende Berührung eigentlich ein Streicheln voller Zärtlichkeit und dennoch so grausam wie Schwertstreiche. Schmerz " und Lust, so dicht beieinander....und noch immer sparten diese grausamen Zärtlichkeiten Brustwarzen und Leistengegend aus, als wäre es Absicht. Wieder versank Sharavals Welt in einem glühenden, rasenden Schmerz-Rot. Dorns Welt hingegen bestand nur noch aus qualvollem Stöhnen, das an sein Ohr drang, keuchenden Atemzügen, dem leisen Knirschen der Hand-und Fußfesseln, wenn sein Gefangener sich wand und versuchte, sich aufzubäumen, so hoch er nur konnte. War es, um dem Schmerz zu entfliehen, oder um sich ihm entgegenzuwerfen? Wahnsinn. Das war purer Wahnsinn. Es gab kein Entkommen " weder für Sharaval, noch für Dorn, dem das Donnern seinen eigenen Herzschlags in den Ohren dröhnte und der ebenso wie Sharaval in der feuchten, stickigen Luft nach Atem zu ringen begann. Sein Körper wollte sich ebenso winden wie Shars. Dorn zitterte. Er schaute die silbernen Handschuhe an, dann wanderte sein Blick wieder über Shars Körper, noch immer schön, so qualvoll schön...nein, er würde nichts tun, was diesen Körper entstellen würde. Nicht nur, daß so etwas gegen seinen Kodex verstoßen würde. Er hätte ohnehin nie etwas anderes gewollt als diese zärtliche Qual, dieses liebevolle Leidenlassen, dieses erotische Feuerwerk...ja, sein Gefangener reagierte " so, wie er es sich erhofft, gewünscht " so, wie er es erwartet hatte. Dorn schob die Feuerschale beiseite und streifte sich geschickt die silberglänzenden Handschuhe über. Finale...wenn er jetzt nicht redet, muß ich diesen Kampf verlorengeben....und ich würde mich nicht schämen...ich würde mich nicht als Versager fühlen...Göttin, er ist stark...noch immer so stark... Dorn atmete tief, als er seine Hände sanft auf Shars Brust legte. Endlich...ich fühle es, ich fühle seine Stärke, ich fühle, wie sein Herz kämpft, ich spüre seinen Atem...ich spüre, wie lebendig er ist, hier in meinen Händen... Sharaval verzog das Gesicht, keuchte, riß die Augen auf und schloß sie wieder, fest, ganz fest... "Das...kenne ich...", knirschte er zwischen zusammengebissenen Zähnen, "Aber Valdo Traverra...brauchte dazu...keine Handschuhe!" Er wollte noch etwas sagen, aber das, was nun geschah, zwang ihn, zu schweigen. Diese Hände in den silbernen Handschuhen berührten ihn wie die Hände einer Geliebten - und diesmal machten sie nicht vor seinen Brustwarzen halt. Shar bäumte sich auf " und dann versuchte er alle, diesen Händen zu entkommen, denn nun glitten sie auch zwischen seine Beine.
Für einen Moment war Dorn kurz davor, sich zu vergessen. Endlich, endlich war es soweit, endlich konnte er diesen Körper berühren, ihn mit quälenden Zärtlichkeiten überschütten, die Liebe geben, die er zu geben gelernt hatte und nach der es ihn verlangte " und das erste Mal spürte er ein wirkliches Ausweichen, ein wirkliches Entkommenwollen, das Aufwallen seltsamer Gefühle, die vorher nicht dagewesen waren. In diesem Augenblick wurde ihm bewußt, daß er die Stelle gefunden hatte, an der dieser starke Mann brechen konnte. Zitternd, unter Aufbietung aller Selbstbeherrschung, zog er seine Hände zurück. Sie mieden diese bewußte Stelle " doch das bedeutete nicht, daß Dorn sich zurückhielt, was den Rest von Shars Körper betraf. Er erforschte ihn " für einen perversen Moment glaubte Shar, sich an Kev erinnert zu führen, glaubte, die sanften Hände des Sarrin auf der Haut zu spüren " nur, um dann wieder aufzuschauen und in ein maskiertes Gesicht zu blicken, in dem brennende schwarze Augen standen und aus dessen leicht geöffnetem Mund sich Laute lösten, die denen nicht unähnlich waren, die sich ihm entrangen.
Wieder schlossen sich die Schleier.
Und er fragte sich, wie lange er das noch würde ertragen können.
Wieder knirschte der Schlüssel, die Tür flog auf und ein sehr ärgerlicher Arlan betrat die Zelle. "Schweigt er immer noch?" herrschte er Dorn an, der wie beim ersten mal schweigend nickte und den Kopf leicht neigte. "Nedron sagte mir, du wärst der beste....verdammt, bring ihn zum reden!!!" Dorn schüttelte den Kopf. "Lord, dieser Mann wird nicht reden", sagte er leise, und die Worte drangen durch die Schleier aus Schmerz in Shars Bewußtsein und gaben ihm das Gefühl, er hätte sich verhört. "Was?" Arlan bemühte sich nicht mehr, leise zu sein. "Was soll das heißen? Daß du versagt hast, Folterknecht?" "Nein", entgegnete Dorn sanft und ruhig, "Das heißt, daß nicht er seinen Meister in mir, sondern ich den meinen in ihm gefunden habe." Er senkte den Kopf noch etwas tiefer und schaute zu Sharaval. "Er hat mich besiegt, Lord. der Kampf war fair. Ich gebe ihn verloren." "Das wirst du nicht!" knirschte Arlan. "Du sagst, du kannst ihn zum reden bringen, also bringst du ihn zum reden!" "Das kann ich nicht", sagte Dorn, und diesmal klang seine Stimme so sanft wie die einer Mutter, die einem störrischen Kind etwas erklärt. "Ich würde ihn brechen." Dorn schaute zu Shar, und die Überraschung, die er in seinem gequälten Gesicht zu lesen glaubte, überwältigte ihn. Arlan glaubte, nicht richtig gehört zu haben. "Dann...verdammt, dann BRICH ihn!" fauchte er, das Gesicht wutverzerrt. Dorn schüttelte den Kopf. "Das werde ich nicht tun!" Seine Stimme klang wie ein Messer, das durch Samt schneidet. "Ich halte mich an meinen Kodex. Schmerz und Leid. Ich quäle einen Körper " aber ich breche niemals einen Willen!" Damit begann er, sich die silbernen Handschuhe von den Fingern zu ziehen. Achtlos warf er sie beiseite. "Du...!" Arlan sprang vor, packte Dorn und warf ihn gegen die Wand. "Brich ihn!" Jetzt war es Dorns Keuchen, das den kleinen Raum erfüllte. "Niemals!" Mit einem Knurren schleuderte Arlan Dorns leichte, zierliche Gestalt durch den Raum, warf ihn an die gegenüberliegende Wand und schaute kalt auf ihn herab, als er tatsächlich halb zusammenbrach. "Brich ihn!" wiederholte er, "Ich befehle es dir!" "Und ich...verweigere mich!"
In diesem Augenblick geschahen so viele Dinge auf einmal, daß Dorn sich später beim besten Willen nicht erinnern konnte, was genau passierte. Schreie erklangen draußen auf dem Gang, und dann warf sich eine grauhaarige Furie, bewaffnet mit einem Rapier, in den Raum.
Nur wenige Augenblicke später war Sharaval frei.
Und Dorn war ein Gefangener.
"Dafür wirst du bezahlen...." Arlan fluchte, knallte die Zellentür hinter Dorn zu und schaute noch einmal durch das kleine vergitterte Fenster in den fast stockfinsteren Raum. Hoch aufgerichtet sah Dorn ihn an. "Ein Nithyara verrät niemals seinen Kodex!" flüsterte er, und seine Stimme jagte Arlan einen Schauer über den Rücken. Er fluchte nochmal " und ließ den Gefangenen allein. Erst als seine Schritte verklungen waren, lehnte sich Dorn an die glatte, kalte, feuchte Wand und ließ sich daran auf den Boden sinken. Er zog die Knie an, umschlang sie mit den Armen und legte den Kopf darauf. Er war müde " unendlich müde, und er fühlte sich, als hätte ihn eine Geliebte bis kurz vor dem Verglühen gereizt und ihn dann, gefangen in unerträglicher Erregung, verlassen. Er zitterte. Zuerst gefangen in dieser qualvollen Lust " dann vor Kälte.
Das halbverschimmelte Brot, das ihm einmal am Tag gebracht wurde, rührte er nicht an und auch von dem schalen Wasser trank er nur so viel, um den ärgsten Durst zu löschen. Silberdorn wartete. Aber er wußte nicht, worauf. das einzige, was er wußte, war, daß er überleben mußte. Warum auch immer. Die Zeit kroch nur so dahin. Augenblicke dehnten sich zu Stunden, Stunden zu endlosen Tagen und Nächten. Dorn hatte sich kaum gerührt, seit er in seiner Ecke zusammengesunken war. Bequemer machen konnte er es sich ohnehin nicht, das wenige Stroh, das da war, war klamm und feucht, und Lord Arlan kam nicht auf die Idee, frisches bringen zu lassen. Das Warten war das einzige, was ihn dazu trieb, zu versuchen, sich nicht allzu tief fallen zu lassen. Warten. Auf wen auch immer. Dorns Gedanken wanderten in die ferne Vergangenheit, zu Schlachten, zu Verbündeten, zu Augenblicken unerträglicher Lust. Sie wanderten zu seinem sterbenden Volk, dessen Traditionen nur deswegen aufrecht erhalten werden konnten, weil die Älteste kurz vor ihrem Tod beschlossen hatte, aus dem Volk einen Orden und aus den Traditionen einen Kodex zu machen. Die Älteste...er sah sie vor sich, wunderschön, weißhäutig, weißhaarig und schwarzäugig wie er selbst, im Grunde ein Spiegelbild. Tödlich und grausam, edel und gerecht. Seine Mutter war eine gute Fürstin gewesen. Und sie war viel zu früh gestorben. Zu früh, und unter den falschen Umständen. Noch nie war ihr Tod in jener lange vergessenen Schlacht zwischen Licht und Dunkel ihm so falsch vorgekommen wie in diesem Augenblick. Verräterin hatte sie dieser Schattenkönig, der schon damals kurz davor war, seinen Verstand zu verlieren, genannt. Verräterin, weil sie die Zähigkeit und die Kraft der Kriegerinnen und Krieger des Lichtes respektiert und bewundert hatte. Es gab nicht viele, die die schwachen Stellen eines Nithyara kannten. Der Schattenlord hatte sie gekannt. Seelenfeuer war an seinem Gift gestorben. Mutter...wärst du noch hier, wüßte ich längst, auf wen ich warte... Dorn versuchte, seinen Blick zu klären. Er schüttelte den Kopf. Seelenfeuer war schon seit Äonen in den Ewigen Kreis gegangen, und er hatte seit Äonen aufgehört zu trauern und hatte das getan, was von ihm als ihrem ältesten Kind erwartet wurde. Dennoch...Er schüttelte den Kopf, als er glaubte, eine Gestalt vor sich zu sehen, die ihm die Hand entgegenstreckte. Ich hätte es sein sollen, die wartet... Ihre Stimme...sanft wie ein Streicheln, ihre Stimme...Dorn schloß die Augen und vergrub das Gesicht in den Händen, dann lehnte er sich zurück an die feuchte kalte Wand, die immer kälter zu werden schien. Er glühte vor Fieber.
Ein Geräusch ließ ihn aus seinen wirren Träumen aufschrecken. Die Tür...Arlan kam also doch zurück " wahrscheinlich, um zu sich daran zu weiden, wie schlecht es ihm hier unten ging. Die Tür öffnete sich langsam. Dorn bleib, wo er war und ließ müde den Kopf hängen. Er erwartete Arlans höhnische Stimme, doch statt dessen drang ein leises, zischendes Flüstern an sein Ohr, und wie in seinem Traum streckte sich ihm eine Hand entgegen. Silberdorn hob den Kopf und schaute in bernsteinfarbene Augen, die ihn prüfend musterten. "Wir müssen hier weg!" flüsterte der Mann, der sich vor wenigen Tagen noch zitternd unter Dorns Händen gewunden hatte. Nun war er gekommen, um ihn zu befreien. Viel zu erschöpft und verblüfft, um etwas zu sagen, viel zu verwirrt, um sich zu wehren oder sich zu fragen, warum er die Regel der Unberührbarkeit durch Außenstehende brach, ergriff der Nithyara die ausgestreckte Hand und ließ sich auf die Füße ziehen.
Sharaval unterdrückte einen leisen Fluch, als er spürte, daß seinem Begleiter schon nach einem winzigen Moment auf den Füßen die Beine versagten. Kurz entschlossen hob er ihn hoch, warf ihn sich über die Schulter und verließ Lord Arlans Kerker so unauffällig und leise, wie er ihn betreten hatte. So rasch er konnte, verließ er die Stadt. Im Morgengrauen war er wieder bei dem kleinen Wegegasthaus, in das er sich eingemietet hatte, und nun lag er nachdenklich auf der anderen Hälfte des breiten Bettes, auf dem der Befreite in wärmende Decken gewickelt lag und offensichtlich gerade von seiner Ohnmacht in einen tiefen Schlaf hinüberglitt. Für einen Moment lauschte Sharaval den leisen, tiefen Atemzügen und betrachtete das schmale, blasse Gesicht hinter der schwarzen Seidenmaske. Ebenso wie Arlan auch fragte er sich, ob er es mit einem Mann oder einer Frau zu tun hatte " die schlanke Gestalt konnte ebenso einer knabenhaft gebauten Frau gehören wie das Gesicht einem sehr androgyn wirkenden Mann. Irgendetwas daran verwirrte und faszinierte ihn.
Das erste, was Dorn spürte, als er wieder zu sich kam, war die angenehm weiche Wärme und der saubere Geruch eines frischen Bettes. Das zweite das Gefühl, beobachtet zu werden, und das ließ ihn schneller die Augen öffnen und versuchen, sich aufzurichten, als es gut für ihn war. Eine kräftige Hand drückte ihn an der Schulter sacht in die Kissen zurück und zog die Decke fester um ihn. Dorn erkannte den Mann mit den bernsteinfarbenen Augen. "Ihr...", flüsterte er schwach, und ein Lächeln kroch über seine aufgesprungenen Lippen. "Also doch kein Traum....warum? Warum habt Ihr mich befreit, nach allem...was ich Euch...angetan habe?" Sharaval schaute auf einen Ellenbogen gestützt auf Dorn herab. "Ich schuldete Euch ein Leben", sagte er. Er konnte sehen, daß unter der seidenen Maske eine Augenbraue nach Oben strebte. "Aber...." "Kein Aber. Ihr hättet weitermachen können. Ihr habt es nicht getan. Statt dessen..." Shar sprach nicht weiter, aber er blickte Dorn vielsagend an. Der Nithyara lächelte, rollte sich auf die Seite und zog die Decke enger um seinen schmalen Körper. "Ich habe...einen Kampf verloren", sagte er leise. "Ihr...habt mich überwunden. Euren Stolz zu brechen...ist gegen meine Ehre. Es war ein guter Kampf...ich habe ihn in Ehren verloren gegeben...Lord Arlans Schuld, wenn er es nicht verstand..." Müde schloß er die Augen. Er fühlte sich schwach und fiebrig. "Ihr solltet etwas essen", hörte er Sharaval sagen. Allein der Gedanke daran ließ ihn schaudern. Er rollte sich auf die andere Seite und kroch noch tiefer in die Decken. "Kann...nicht..." Fast im gleichen Moment spürte er eine hand auf der Schulter, fest und doch sanft. "Warum nicht?" Dorn horchte auf. Täuschte er sich, oder klang die Stimme dieses seltsamen Fremden tatsächlich...besorgt? "Zu...lange...ohne..." Es stimmte. Dorn hatte nicht einmal im Kerker irgendetwas von dem angerührt, was Arlan ihm hatte bringen lassen. So schimmelig wie das trockene Brot war, hätte es wahrscheinlich noch nicht einmal Gift gebraucht, um ihn umzubringen. Hinter sich hörte Dorn Sharaval leise seufzen, dann verstärkte sich der Griff der Hand auf seiner Schulter und er spürte sanfte Wärme, die von dieser Berührung ausging. Ein leises Zittern rann durch Dorns Glieder wie die neue Kraft, die von Shars Hand ausging. Heilung. Er kann mich heilen....niemand heilt einen Nithyara, es sei denn, er ist einer von uns... Kann es tatsächlich wahr sein? Er hat mir standgehalten. Er hat mich berührt ohne zu zögern. Er sieht mich an, als würde er mich kennen, als würde er etwas wissen " oder wenigstens etwas ahnen. Ist er es? Habe ich auf ihn gewartet? Habe ich ihn gesucht? hat er...mich gerufen? Warum im Namen der Göttin habe ich das Gefühl, ihm trauen zu können? Dorn atmete tief, als er spürte, daß die tiefe Erschöpfung ihn ihm einer angenehmen Schläfrigkeit wich. Ohne zu wissen, was er da eigentlich tat, wand er sich, schon halb schlafend und einen leisen Dank murmelnd in Shars Arme.
Wieder wachte er davon auf, daß er sich beobachtet fühlte. Dorn streckte sich und öffnete die Augen. Neben ihm lag Sharaval und schaute ihn an. "Besser?" Dorn nickte. Er rückte ein wenig von Shar ab, rollte sich auf den Bauch und schaute eine Weile nachdenklich auf seine noch immer in den Handschuhen steckenden Hände. Dann, einem Instinkt folgend, begann er ganz langsam, sie Finger für Finger hochzuziehen und schließlich streifte er sie ganz ab. Er spürte, daß Shar auf seine Hände schaute, über die sich feine, verschlungene Narben zogen " ähnlich denen, die seine Behandlung auf Shars Haut hinterlassen hatte. Sharaval zog eine Augenbraue hoch, als er die Narben sah. Was nun? Hat sich etwas bestätigt, das er geahnt hat? Ein Goldstück für seine Gedanken... "Wir haben unsere eigene Art von Ehre", sagte Dorn leise. "Niemandem etwas antun, was man nicht selbst ertragen kann. Sie sind das Zeichen meines...Ordens." Beinahe hätte er "meines Volkes" gesagt. Es wollte ihm noch immer nicht in den Kopf, daß die Nithyara viel zu wenige waren, als daß man sie noch ein Volk nennen konnte. Er wußte, daß sie starben, aber er wollte es nicht wahrhaben. Es mußte doch eine Chance geben. Irgendwo. "Sie sind Zeichen der Prüfung, die ich durchlaufen habe." Dorn hob den Arm, der Ärmel des Seidenhemdes fiel herab, und Shar konnte sehen, daß sich diese silbrig schimmernden Zeichen offensichtlich über seinen ganzen Körper zogen. Shar sah, aber er sagte nichts. Was in seinen Gedanken war, mußte sein "Gast" nicht erfahren. Noch nicht. Dorn seufzte. Nun bin ich schon so weit gegangen...dann kann ich auch noch weiter gehen...es fühlt sich richtig an, die Göttin weiß, warum... Er hob die Hände zu seinem Gesicht und streifte langsam die Maske ab. Für einen Moment vergrub er das Gesicht in den Händen, dann fuhr er sich mit den langen, schlanken Fingern durch das schneeweiße Haar, das weich und glatt bis zur Mitte seines Rückens herabfiel. Ohne ein weiteres Wort stand er auf, streifte das Hemd ab und trat an die Waschschüssel.
Eine der Fragen, die durch Shars Kopf krochen, war mit diesem beiläufigen Ablegen des Hemdes beantwortet. Er...also doch. Auch wenn dieses schmale, blasse, elfenhafte Gesicht mit den großen mandelförmigen Augen und den hohen Wangenknochen auch das einer Frau hätte sein können. Nicht aber dieser Körper. Schlank, muskulös und doch zierlich. Ausdauer, Zähigkeit und Schnelligkeit. Ein Blick reichte Shar, um sein Gegenüber einzuschätzen. Wie geschaffen dafür, im Dunkeln auszuharren und dann zuzustoßen wie eine Schlange mit messerscharfen Zähnen. Ein Geschöpf der Schatten. Eine...Klinge. Ja. Eine Klinge. In diesem Augenblick wußte der Wächter in Sharaval, wen er da vor sich hatte. Er wußte es " und er wußte, daß er diesen Mann wiedersehen würde. Ihn " oder einen anderen seines Ordens. Aber nicht heute. Noch nicht heute.
Dorn hatte sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht geschüttet, versucht, das klebrige Gefühl abzuwaschen, das der Kerker hinterlassen hatte und kam nun langsam wieder zum Bett zurück. Noch immer war er müde, auch wenn er es nicht zugeben wollte. Dennoch ließ er sich auf die Matratze zurückfallen und wickelte sich wieder in die noch warme Decke. "Eigentlich müßte ich Euch jetzt töten", murmelte er mit geschlossenen Augen. "Weil ich Euer Gesicht gesehen habe", vermutete Shar, und Dorn nickte. Er rollte sich wieder auf die Seite, Shar den Rücken zugewandt, weil er ihn nicht sehen lassen wollte, wie verwirrt er durch sein eigenes Handeln war. "Und ich weiß noch nicht einmal, warum ich mir so sicher bin, daß ich es nicht tun werde." Wieder spürte er den Griff von Sharavals Hand auf der Schulter, fester als vorher, und der Griff zwang ihn, sich wieder umzudrehen. "Ich bin mir sicher, daß es einen sehr guten Grund gibt", sagte Sharaval leise, und der Blick seiner goldenen Augen senkte sich tief in Dorns schwarze. Für einen winzigen Moment glaubte Dorn, Sterne in diesen Augen schimmern zu sehen, doch so schnell, wie es da war, war es auch schon wieder fort. "Vielleicht", sagte er leise. "Sicherlich...Klinge." "Klinge?" Dorns Stimme klang überrascht. Klingen...ja, so haben sie uns genannt. Schon immer. Warum weiß er davon? Ist er es? Kann es sein? Ist er der...Wächter? Nachdenklich nickte der Nithyara. "So wie Ihr", sagte er leise, den Blick auf die Narben auf Shars Haut gerichtet. Die neuen und die alten, geschickt in das Gewebe der Zeichen eingearbeitet, die er hinterlassen hatte. "So wie Ihr...eine Klinge, durch das Feuer der Schmerzen geläutert und gehärtet...ja. Auch ich bin eine solche Klinge." So viele Fragen, so viele Antworten, die wieder neue Fragen aufwerfen... Dorn schüttelte den Kopf, wickelte sich wieder in seine Decke und schloß die Augen. Zu viele Fragen für den Augenblick.
Schritte auf der Treppe verhinderten weitere Fragen. Mit einer fließenden Bewegung streifte Dorn Handschuhe und Maske wieder über, gerade rechtzeitig, als der Grauhaarige das Zimmer betrat " der Mann, der den mit den goldenen Augen aus der Zelle befreit hatte. Sharaval seufzte gespielt und setzte ein Grinsen auf, als der Grauhaarige ihn vorwurfsvoll ansah und offensichtlich etwas sagen wollte. "Hallo, Falke!" "Schön, dich in einem Stück zu sehen! Wir haben uns Sorgen um dich gemacht, Wolf...kaum wieder ganz und schon wieder auf dem Weg in Schwierigkeiten?" Der Blick des Falken streifte Dorn und seine Augen verengten sich. "Ich schuldete ihm ein Leben", sagte Sharaval schlicht. "In Ordnung, Falke, laß uns verschwinden." Sharaval warf noch einen tiefen Blick in Richtung Dorn, dann sammelte er seine Sachen ein und verschwand.
Als Dorn am nächsten Morgen aufwachte, fragte er sich, was von diesem Gespräch, das durch seine Träume gegeistert war, wirklich nur Traum und was davon wahr gewesen war. Das einzige, was er wußte war, daß er den Anderen von diesem Mann mit den goldenen Augen erzählen mußte.
Einige Wochen später....Warum bei allen Göttern kommen plötzlich alle Völker dieser Welt auf die Idee, mich zu suchen? Sharaval konnte es sich nicht anders erklären als damit, daß das, was das Schicksal getan hatte, um ihn zu prüfen, nicht spurlos an den Völkern " vor allem den alten Völkern " vorbeigegangen war. Plötzlich tauchten lange vergessene Legenden aus dunklen Wäldern auf, suchten nach ihm und boten ihm Bündnisse an. Und diesmal war es Sharaval, der wartete. Nicht bewußt, doch als an einem sternenklaren Abend eine kleine Gruppe schwarzgewandeter maskierter Fremder an das Lager des Wolfsrudels herantrat, wußte er, was geschehen würde und nach wem sie suchten. Langsam stand er auf. "Ich werde bald zurücksein, macht euch keine Sorgen!" Nur wenige Abschiedsworte an ihm besorgt nachblickende Brüder und Freunde, dann trat er auf die Gruppe zu. Die Gestalt, die vortrat, um ihn zu grüßen, erkannte er trotz der Maske sofort. Dorn verneigte sich leicht. "Wir sind gekommen, um den Eid zu leisten, Wächter. Lange haben wir gewartet, lange habe ich gesucht " und schließlich gefunden." Er schaute Shar in die bernsteinfarbenen Augen. "Ihr wißt, was Euch erwartet", sagte er leise. Er war nicht überrascht. Sharaval nickte. "Ja. Ich werde mit Euch kommen."
Er folgte der Gruppe " es waren kaum mehr als zwanzig Männer und Frauen in schwarzer Seide " zu einem kleinen Wegetempel. Dorn lächelte entschuldigend. "Nicht gerade der richtige, der angemessene Rahmen...aber es muß genügen." Er winkte einen seiner Begleiter heran, der schwarze Seidentücher auf dem Boden ausbreitete. Sharaval sah sich aufmerksam um. "Was...geschieht nun?" fragte er leise. "Wir werden den Eid leisten. Ich werde Euer Partner sein." Dorn atmete tief. Er hatte lange und oft über diesen Moment nachgedacht, hatte immer wieder alle Vor-und Nachteile abgewogen, hatte darüber gegrübelt, ob wirklich ER derjenige sein mußte, der den Eid leistete, hatte sich zurückgezogen, gefastet, meditiert, gebetet...und am Ende war er sich sicher, daß nur der Fürst den Eid leisten konnte. Ich kann, will und darf das keinem der anderen aufbürden. Sie müssen frei fliegen, wenn unser sterbendes Volk noch eine Weile überleben will. Ich werde die Ehre und die Bürde dieses Eides auf mich nehmen und sie ganz allein tragen " mit Stolz. Ich ja...ich bin stolz. Er wird mich annehmen, er wird mich nicht abweisen. Ich werde es tun...und ich fürchte nicht den Eid....nur...eine der Folgen... Langsam zog Dorn zwei schwarze Holzstäbe aus seinem Beutel. "Wählt", sagte er leise. "Wer das kürzere Holz zieht, leistet den Eid zuerst." Sharaval nickte. "Wie?" fragte er. "Ihr könnt wählen. Die Tränen der Göttin, das Feuer oder...die Handschuhe." Wieder nickte Sharaval. "Ich wähle keines von allem", verkündete er dann. "Ich wähle...mein eigenes Feuer." Als Dorn ihn verwirrt ansah, hob er lächelnd die Hand, konzentrierte sich einen Augenblick, dann tanzten kleine blauschwarze Flammen über seine Fingerspitzen. Dorns Augen weiteten sich hinter der Maske, doch nur einen Moment lang, dann fand er seine Selbstkontrolle wieder. "Höllenfeuer...." "Nicht ganz", lächelte Sharaval. Dorn senkte den Kopf. "Ich akzeptiere Eure Waffe", sagte er leise. Und Sharaval wußte tief in seinem Inneren, daß es nicht richtig gewesen wäre, hätte sein Eidpartner das Feuer abgelehnt. Dieser Mann würde ein sehr ofensichtliches Zeichen des Bundes tragen. Und Shar wurde etwas klar. Mit einemmal wußte er, warum dieses seltsame Volk mit dieser eigenartigen Vorliebe für rituelle Schmerzen zu seinen Verbündeten gehören sollte und warum dieser Eid SO und nicht anders geleistet werden mußte. Er, Sharaval, der Wächter, mußte etwas lernen. Er mußte nicht nur Schmerz ertragen können, nein- er mußte auch in der Lage sein, Schmerz zuzufügen. Langsam streckte er die Hand nach einem der Hölzer aus und zog. Als sie die Stäbe verglichen, lag in Dorns ausgestreckter Hand der kürzere.
Ein Lächeln huschte über Dorns Gesicht, als er den Stab in den Beutel zurückgleiten ließ und dann langsam begann, Stück für Stück seine gesamte Kleidung abzulegen. Im tanzenden Licht der flackernden Fackeln und Kerzenflammen schimmerten sie silbrigen Narben auf seiner weißen Haut bei jeder geschmeidigen Bewegung auf. Schließlich ließ er sich fast lasziv auf das ausgebreitete Seidentuch sinken, sein Blick suchte Shars Augen und hielt sich an ihm fest. Dorn atmete tief, dann schloß er die Augen, er konzentrierte sich einen Moment lang auf seinen vor Erwartung raschen Herzschlag, dann entspannte er sich " die Folge unendlich vieler Übungen, geboren aus höchster Selbstdisziplin. Das leise Rascheln von Kleidern sagte ihm, daß Sharaval neben ihm kniete, während die anderen Nithyara einen Kreis um sie beide bildeten, Kerzen und Fackeln in den Händen. Sie waren die Zeugen, sie würden stumm abwarten und zusehen. Und wenn einer von ihnen es nicht mehr ertragen und fliehen sollte, würden sie ihn gehenlassen. Dorn öffnete die Augen und sah Sharaval voller Erwartung an. Blauschwarze Flammen tanzten auf den Fingerspitzen des Wächters, und Dorn sehnte sich nach der Berührung dieser Hände " und dieser Flammen. Langsam senkte Shar die Hände, so langsam, daß Dorn sich am liebsten aufgebäumt und sich ihnen entgegengeworfen hätte, doch er nahm sich zusammen.
Brennender Schmerz durchfloß seinen Körper, als Sharavals Fingerspitzen sich auf seine weiße Haut senkten und begannen, behutsam sie Linen der alten Narben nachzuziehen. Dorn schloß die Augen und rang nach Atem. Das war unglaublich, so etwas hatte er noch nie gefühlt. Er wollte diese Berührungen, er wollte diesen Schmerz, der nichts glich, was er bisher gefühlt hatte. Noch nicht einmal die Tränen der Göttin ließen ihn so erbeben, wie es Shars Feuer tat. Die Schmerzen waren grauenhaft, doch Dorn wollte nichts anderes, als sich ihnen entgegendrängen. Er atmete keuchend, er spürte, wie Schweißtropfen über seine Stirn und seine Brust rannen. Jeder Muskel in seinem Körper spannte sich und zitterte wie eine fast zum Zerreißen gespannte Bogensehne. Dorn stöhnte auf, als Sharavals feuersprühende Fingerspitzen sacht über seine Seiten fuhren, Schmerz, Qual und Lust mischten sich in diesem seltsamen Laut. Der Nithyara öffnete die Augen wieder, suchte Sharavals Blick und hielt ihn fest. Der Wächter zögerte nicht, seine Hände zitterten keinen Augenblick lang. Sanft folgten sie den alten Narben, doch hier und da mußten sie von dem bestehenden Muster abweichen, denn dies war kein Aufnahmeritual, sondern ein Treueeid. Und noch etwas war anders " Dorn würde von nun an wirklich ein Gezeichneter sein " so wie es in der uralten Prophezeiung gesagt worden war: "Der, der sich im Eid dem Wächter hingibt, wird sein Zeichen tragen, vom Feuer des Chaos gegeben, dem er entstammt und er soll für alle Zeiten unberührbar sein für alle bis auf den, dem er den Eid geleistet." Shars Fingerspitzen hinterließen feine, blauschwarz schimmernde Linien in Dorns schneeweißer Haut. Und diese Linien würden nicht zu kaum erkennbarem Silber verblassen.
Dorn wand sich unter den Händen des Wächters. Der Schmerz wurde fast unerträglich, und doch konnte er nicht anders, als sich aufzubäumen, den Rücken zu wölben und sich ihnen entgegenwerfen. Sein Körper reagierte, oh ja, Schmerz und Lust begannen, sich zu vereinen, und er wollte mehr davon, mehr...selbst wenn es ihn umbringen würde. Feuerflammen tanzten über seine Beine, die Innenseiten seiner Schenkel, dann waren sie über seinen Lenden. Dorn wollte schreien, doch er biß die Zähne zusammen und erlaubte sich keinen weiteren Laut als nur ein leises Stöhnen. Jede Faser seines Körpers bebte. Es sollte aufhören. Es sollte nie enden. Extase überrollte ihn wie eine Welle, und für einen kurzen Moment vergaß er die Welt um sich herum. Als keine Stelle mehr da war, die nicht gezeichnet war von brennenden blauschwarzen Spuren, sah Dorn Shar keuchend und nach Atem ringend an " und dann wandte er sich langsam um und rollte sich auf den Bauch " nein, es war noch nicht zuende. Noch lange nicht. Noch hörte der Schmerz nicht auf, und ebensowenig die Lust.
Dorn war halb bewußtlos, als der Wächter nach einer letzten fast zärtlichen Berührung die Hände zurückzog und die tanzenden blauen Flammen an seinen Fingerspitzen verlöschen ließ. Mit einem seltsamen Ausdruck in den goldenen Augen schaute er auf die fast reglose Gestalt des Nithyara herab. Dorn atmete stoßweise, seine Haut war von brennenden schwarzen Narben überzogen und schweißüberströmt. Fast lautlos löste sich eine der stummen Gestalten aus dem Kreis der Zeugen, glitt an Dorns Seite und breitete die Hände über seinem zitternden Körper aus " jedoch ohne ihn zu berühren. Shar konnte nur ahnen, was da geschah, doch nach einer Weile atmete Dorn wieder ruhiger und noch etwas später richtete er sich vorsichtig auf. Lächelnd schaute er Sharaval ins Gesicht, dann schlüpfte er in seine Kleider " während Shar begann, die seinen abzulegen.
Dorn beobachtete ihn verhalten, ebenso die noch immer stummen Zeugen. Er konnte förmlich spüren, wie sich die Augen der anderen weiteten, als sie die Narben auf Shars Haut sahen " die kunstvollen und die alten darunter. Diese seltsamen alten Narben, an denen er so zu hängen schien. Sharaval hatte seine Kleider abgelegt, wie es das Ritual erforderte, und nahm nach einem kurzen Blick in dessen dunkle Augen Dorns Platz ein. Mit einem Lächeln breitete er die Arme aus, als würde er willkommen heißen, was nun kam. Ein anderes Bild schob sich vor Dorns inneres Auge, als er neben Shar niederkniete. Sharaval, mit eisernen Fesseln an eine Streckbank gekettet. Und nun lag er freiwillig vor ihm, auch wenn er wußte, was ihn erwartete. Und es würde schlimmer werden diesmal. Diesmal würde Dorn nicht haltmachen dürfen. Es gehörte zum Ritual, und er würde es durchführen, wie die Riten es erforderten. Er mußte nur noch die Waffe wählen. Für einen winzigen Moment verharrten seine Hände über den silbrigen Handschuhen, dann griff er entschlossen nach der Phiole mit den Tränen der Göttin und tauchte die schwarze Feder hinein. Noch einmal suchte er Shars Blick " dann begann er zum zweiten mal innerhalb dieser kurzen Zeit, den Körper des Wächters mit quälenden Liebkosungen zu überschütten. Es war wie in diesem Kerker " und doch völlig anders. Sharaval wand sich in Schmerzen, wieder kam kein Schrei über seine Lippen, kein Laut, nur dieses leise, unterdrückte Stöhnen, daß Dorn rasend machte. Seine bebenden Hände folgten den älteren Narben, die silbrig in Sharavals Haut schimmerten, nur hier und da wichen sie von ihnen ab " ebenso wie Shar es bei ihm getan hatte. Sanft und zärtlich und begleitet von brennenden, bohrenden, erregenden Schmerzen empfing der Wächter das Zeichen des Bundes mit den Nithyara.
Shar öffnete die Augen, als er spürte, daß Dorns Hände sich der bisher immer vermiedenen Stelle zwischen seinen Beinen näherten. Er spürte, daß der Nithyara zögerte, spürte, daß diese schrecklichen sanften Hände bebten. Shars Blick suchte den seines Eidbruders. "Alles", flüsterte er. "Zögert nicht!" Ein Lächeln huschte über Dorns Gesicht, dennoch zog er für einen Moment zweifelnd die Augenbrauen zusammen. Shar nickte ihm kaum merklich zu. "Alles", wiederholte er noch einmal, die Stimme leise, aber sehr fest und sicher. "Also gut", flüsterte Dorn. Als er spürte, wie sich Shars Körper unter seinen tiefer gleitenden Händen anspannte, hätte er weinen mögen.
Dorns Gesicht war schweißüberströmt, als er seine Hände endlich zurückzog, seine leichten schwarzen Seidengewänder klebten an seinem Körper, als wäre er mit ihnen ins Wasser gestürzt, und sein Atem kam in ebenso raschen, abgehackten Zügen wie Sharavals. Der Wächter wandte sich mühsam zu ihm um " und lächelte. Für einen Moment weiteten sich Dorns Augen, dann erwiderte er das Lächeln und nickte verstehend. Er legte die Feder beiseite und hob die Hand, um Shar über das Gesicht zu streichen, doch kurz bevor seine Finger die helle Haut berührten, zog er sie zurück. Er überließ den Wächter dem Heiler. Es war vorüber, ihre Wege würden sich trennen. So sollte es zumindest sein, doch Dorn hatte andere Pläne. Ich werde dir folgen, Wächter, in die Schlacht, in den Tod, wenn es sein muß...du hast mich deine Klinge genannt, und deine Klinge werde ich sein, tief verborgen in den Schatten, die dunkler sind als die Nacht " ich werde dir folgen, ich werde in deinem Rücken sein. Für immer. Sharaval ging, der Abschied war kurz, und Dorn war es nur recht, auch wenn alles in ihm protestierte und sich danach sehnte, daß der Wächter bleiben möge. Vielleicht war es so leichter. Er würde bei ihm sein. Das mußte genügen.